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Die Erwählung Israels

Nach dem Bericht der Bibel hat Gott sich das jüdische Volk erwählt. Warum gerade dieses Volk? Das bleibt Gottes Geheimnis, das bisher keiner gelüftet hat und das auch wir nicht lüften müssen.  Zitat aus dem 5. Buch Moses:

„Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der HERR, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.  Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ Viele andere Stellen in der Bibel bezeugen diese Erwählung.

Aus dieser Erwählung leitet das jüdische Volk seine Identität ab. Diese Erwählung ist für Juden nicht bequem. Sie sind als einzige an die vielen Gebote gebunden, die Gott dem Moses gab. Sie sind für die Umgebung immer irgendwie „anders“. „Aber“, Zitat eines großen jüdischen Denkers unserer Zeit, „wer möchte schon abseits wohnen? Oder nicht unter die Völker gerechnet werden?“ Ihr Gott ist noch nicht einmal ihr „exklusiver Gott“; „nichts von diesen Ereignissen, vom Auszug aus Ägypten bis zur Rückkehr in das Land, hat dem Volk Israel ein Monopol auf seinen Gott gesichert.“ Wie hart mag es den Propheten Samuel getroffen haben, als er von den Ältesten des Volks Israel den Satz hören musste:  „Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein!“. Millionen von Juden haben im Lauf der Jahrtausende aufgegeben, haben sich angepasst und sind in den anderen Völkern aufgegangen. Trotzdem gibt es dieses Volk (noch) – einmalig in der Geschichte der Menschheit.

Wozu hat Gott dieses kleine Volk erwählt? Das ist eine entscheidende Frage. Zur Antwort schauen wir nochmals in die Geschichte des Volkes Israel. Mit den Stern-Symbolen wird in den Karten angezeigt, dass hier Juden leben.

1000 v.u.Z.

Im Jahr 1000 vor unserer Zeitrechnung war die Blütezeit des Reiches. Juden gab es nachweisbar nur in „Erez Israel“. Der kleine Stern rechts neben dem Mittelmeer deutet das an.

Übrigens: Juden haben eine andere Zeitrechnung. Sie beginnt mit der Schöpfung, die nach biblischer Erzählung und jüdischer Summierung im Jahr 3761 vor dem Beginn unserer Zeitrechnung geschah. Wir befinden uns heute nach dem jüdischen Kalender im Jahr 5781.

700 v.u.Z.

Wir schreiben das Jahr 700 vor unserer Zeitrechnung: Das Nordreich ist zerstört. Es gibt bereits einige jüdische Gruppen in Mesopotamien, dem Zweistromland, das sind heute der Irak, Teile von Syrien, der Türkei und dem Iran. Eine Besonderheit: Vermutlich gibt es auch schon länger eine jüdische Ansiedlung in Äthiopien, die „Beta-Israel“ oder „Falascha“. Nach deren eigener Tradition stammen sie von Einwanderern aus der Zeit Salomos bzw. der „Königin von Saba“ ab. Es gibt aber auch andere Abstammungstheorien. Sie praktizieren eine sehr frühe Form des Judentums. Während einiger Hungersnöte in Äthiopien sind in den Jahren 1984 bis 2011 etwa 30.000 von ihnen nach Israel „rückgeführt“ worden.

200 n.u.Z.

Das Jahr 200 unserer Zeitrechnung: Juden sind weitgehend aus „Erez Israel“ vertrieben. 80% der Juden leben in der Diaspora, sie siedeln im ganzen Mittelmeerraum und im Zweistromland. Nehmt bitte diese Zahlen nicht zu ernst, obwohl sie aus einer seriösen Quelle stammen; sie sind mehr als Größenordnungen zu verstehen.

1600 n.u.Z.

Wir sind im Jahr 1600 unserer Zeitrechnung: Juden haben sich in ganz Mittel- und Osteuropa angesiedelt, es gibt eine jüdische Diaspora in Indien, im Jemen. Erste jüdische Ansiedlungen in Nord- und Südamerika sind belegt. Einige Jahrzehnte später entstand die Gemeinde in Nieuw Amsterdam, der Stadt, die seit 1664 New York heißt.

Heute

Heute: Die jüdische Diaspora hat sich weiter ausgedehnt. Der Staat Israel und Nordamerika sind die Schwerpunkte jüdischen Lebens, hier leben etwa 90% aller Juden. In welchen Ländern Juden leben, lässt sich nicht wirklich ermitteln, in vielen Ländern wird die Religionszugehörigkeit nicht erfasst. Wenn etwa die Hälfte aller Juden sich nicht als religiös bezeichnet, sind sie statistisch nicht zählbar. In dieser Grafik sind die Symbole grob dort gesetzt, wo Barnavi in der Karte für 1991 die jüdische Diaspora angegeben hat.

Mit dem Blick auf diese Karte nochmals die Frage: Zu welchem Zweck hat Gott das jüdische Volk auserwählt? Er gab dem Volk keinen Missionsauftrag; Juden missionieren auch nicht, von seltenen Ausnahmen im Mittelalter abgesehen.

Mose fasste vor seinem Tod in seinen Abschiedsreden zusammen: „Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir außer dem einen: dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, indem du auf allen seinen Wegen gehst, ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dienst; dass du ihn fürchtest, indem du die Gebote des Herrn und seine Satzungen bewahrst, auf die ich dich heute verpflichte? Dann wird es dir gut gehen.“

Die Pflichten des jüdischen Volkes, zitiert nach dem schon benannten jüdischen Schriftsteller, „bestehen in der Aufgabe, nach den Geboten Gottes zu leben und in der Geschichte als das Volk aufzutreten, das die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu ihm aufrechterhält.“ Diese traditionelle religiöse Deutung steht in gewissem Gegensatz zu Auffassungen des politischen Zionismus‘.

Mit der Erfüllung dieser Aufgabe hat das Volk Israel wesentlich dazu beigetragen, dass ethische Grundwerte in der Welt bekannt und anerkannt wurden und dass der Glaube an den einen Gott, an den schon Abraham glaubte, sich ausbreiten konnte.

Das Volk Israel existiert nach dem Willen Gottes und gegen alle historische Regeln, um durch seine Existenz die Gegenwart des einen Gottes und dessen unverbrüchliche Treue in seinen Bundeszusagen zu bezeugen.

Die letzte Landkarte, auf die wir gerade blicken, sagt mir, das ist meine ganz persönliche  Ansicht, dass über die Jahrtausende das jüdische Volk seiner Aufgabe immer wieder nachgekommen ist – allen Widrigkeiten zum Trotz – und jetzt schon unter fast allen Völkern.

Jüdische Religion

Man kann nicht wirklich Christ/Christin sein, ohne das Judentum mitzudenken“. Christliche Lehrer*innen, wenn sie christliche Lehre lehren und predigen und sich dabei auf die Bibel beziehen, müssen die wesentlichen Elemente der jüdischen Religion kennen. Ohne diese Kenntnis bleiben viele Aussagen, Bilder und Hintergründe des „Neuen Testaments“ unverständlich und irreführende Auslegungen unvermeidlich.

Jüdische Religion ist wie die christliche Religion zunächst eine Religion der Offenbarung: Gott spricht und weist dem Menschen einen Weg. Die ersten Gebote, die der biblische Bericht nennt, sind die Gebote, die er einem Noah gab. Diese Gebote gelten nach jüdischer Tradition für alle Menschen, so wie auch der Bund mit Noah und seinen Nachkommen ein Bund mit allen Menschen ist. Wer diese Gebote hält, gilt in der jüdischen Tradition als „Gerechter“, der unabhängig von Religion und Glauben vor Gott und durch Gott gerechtfertigt steht.

Die jüdische Religion fragt kaum nach dem Wesen Gottes, sondern nach seinem Willen. „Alles, was wir wissen, ist, dass wir nie etwas von ihm wissen, ihn nie kennen werden“, ein Zitat eines großen jüdischen Religionswissenschaftlers des letzten Jahrhunderts. Die jüdische Religion fragt nicht so sehr nach Glauben, sondern schaut vielmehr auf das Handeln. Dazu zwei Zitate eines unverdächtigen Zeugen. Zunächst aus dem Evangelium nach Lukas:

„Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“
Der jüdische Gesetzeslehrer zitiert aus der Thora und den Propheten. Jesus stimmt zu: Handle danach und du wirst das ewige Leben erben!

Dann aus dem Evangelium nach Matthäus: In dem bekannten Gleichnis vom Weltgericht sagt Jesus:

Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ Erstaunt fragen die so Angesprochenen zurück: „Wann haben wir denn das alles getan?“„Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.„Und die Gerechtenwerden weggehen … zum ewigen Leben.“

Im Weltgericht wird nach diesem Gleichnis nicht gefragt: „Was habt ihr geglaubt?“ sondern: „Was habt ihr getan?“ Diese typisch jüdische Auffassung vom Verständnis der Weisungen Gottes würde ein Jude vielleicht mit einem Vers des Propheten Micha beschreiben: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott“.

* * *

Noch ein wesentlicher Unterschied zu christlicher Lehre: Ein Jude steht in direktem Verhältnis zu seinem Gott. Da gibt es keine Kirche, kein kirchliches Amt, kein Sakrament und keine von Menschen zugesprochene Sündenvergebung. Juden müssen sich mit ihren Taten direkt vor Gott verantworten – ein zentraler Gedanke für die zehn Tage zwischen dem jüdischen Neujahrsfest (Rosch ha-Schana) und dem Versöhnungsfest (Jom Kippur).

An dieser Stelle wird im Video als Einspieler das Lied „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23) gezeigt.

Wir haben den 23. Psalm gehört. Dichter: König David, jüdisch. Übersetzung: Nahe am Urtext und der Übersetzung von Moses Mendelssohn, jüdisch. Komponist: Louis Lewandowski, jüdisch. Ausführende: Mitglieder unseres Gemeindechors, christlich. War das jetzt jüdisch oder christlich?

Bei dem Psalm in dieser Fassung fällt die Schlussphase auf: „Und ich kehr‘ zurück, zurück, in das Haus des Ewigen …“, ein Kontrast zu Luthers Übersetzung: „und ich werde bleiben im Haus des Herrn …“. Ein jüdischer Zuhörer würde sofort an den Begriff „teschuva“ denken, die Umkehr, die Rückkehr. „Teschuva“ ist ein wichtiger und häufig verwendeter Begriff jüdischer Lehre. Die jährliche Zeit zwischen dem Neujahrsfest und dem Versöhnungsfest wird auch „die zehn Tage der teschuva“ genannt. Schon David, der Dichter des Psalms, hat vorgelebt, dass ein Mensch sich mal verirrt, mal weg von Gott ist, erinnert werden muss, wo er eigentlich sein sollte – und zurückkommen kann.

Jüdische Religion ist eine Religion des Hier und Heute. Wer sein Leben ernsthaft nach den Geboten ausrichtet und lebt und immer wieder zum Umdenken, zur teschuva, bereit ist, muss um seine Zukunft beim Kommen des Messias nicht besorgt sein.

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